Neues aus der Wissenschaft

15.01.2026 | Östradiol und Protektion der Nierenfunktion

Ein Forschungsteam der Universität Erlangen publizierte kürzlich eine spannende Entdeckung (Tonnus et al. Multiple oestradiol functions inhibit ferroptosis and acute kidney injury. Nature 2025; 645: 1011-1019). 
Östradiol schützt die Nieren auf mehreren Wegen. Wenn diese plötzlich mit Blut oder Sauerstoff unterversorgt werden – z.B. nach einer Operation oder einem Schock – kann eine akute Niereninsuffizienz resultieren. Dabei sterben viele Zellen in den feinen Nierenkanälchen ab. Eine der wichtigsten Formen dieses Zelltods heißt Ferroptose, weil die Zellen durch Eisen und Fettzerfall zerstört werden. Schon länger war bekannt: Frauen sind seltener und oft weniger stark von einem akuten Nierenversagen betroffen als Männer. Die Ursache dafür war bisher unklar.
Die Arbeitsgruppe beschrieb, dass Östradiol die Nierenzellen gleich doppelt schützt: Erstens chemisch – bestimmte Derivate von Östradiol wie 2-Hydroxyöstradiol wirken wie Radikalfänger. Sie neutralisieren – ähnlich Antioxidantien aus Obst oder Gemüse – aggressive Moleküle, die sonst Zellen angreifen würden. Dadurch kann sich der „Rost-Tod“ (Ferroptose) gar nicht erst ausbreiten. Zweitens genetisch – Östradiol aktiviert in den Nierenzellen bestimmte Gene über einen Östrogen-Rezeptor (ESR1). Diese helfen der Zelle, sich selbst besser zu schützen und mit “Stress” umzugehen.
Die Studie zeigt: Weibliche Nieren sind durch Östradiol weniger anfällig für Zellschäden. Bei Männern und bei Frauen nach den Wechseljahren fehlt dieser Schutz teilweise. Wenn man ihn künstlich wiederherstellen könnte – etwa mit Medikamenten, die ähnlich wie Östradiol wirken oder die Ferroptose blockieren – könnte das neue Wege eröffnen, eine akute Niereninsuffizienz zu verhindern oder zu behandeln.
Diese betrifft zahlreiche Patientinnen und Patienten nach Operationen, Unfällen oder schweren Infektionen. Wenn man versteht, warum weibliche Nieren widerstandsfähiger sind, kann man dieses Wissen nutzen, um alle Patientinnen und Patienten besser zu schützen. Die beschriebene Untersuchung verbindet also Biochemie, endokrinologische Forschung sowie moderne Zellbiologie und zeigt, dass die Unterschiede zwischen Männern und Frauen nicht nur hormonell, sondern auch zellulär lebenswichtig sein können.

Prof. Dr. med. Christoph Dorn