
Neue S3-Leitlinie veröffentlicht: Stillen für die ersten 12 Lebensmonate empfohlen – und viel diskutiert
In Deutschland wurde im April dieses Jahres erstmals eine medizinische Leitlinie veröffentlicht, die genaue Empfehlungen zur Stilldauer gibt (Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e.V., Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e.V., Deutsche Gesellschaft für Hebammenwissenschaft e.V. S3-Leitlinie Stilldauer und Interventionen zur Stillförderung, Version 1.0, Datum, Registernummer 027-072, 2025, verfügbar unter: https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/027-072).
Reif geborene Kinder sollen ausschließlich oder überwiegend die ersten 6 Lebensmonate voll gestillt werden. Die Empfehlung zur Gesamtstilldauer beträgt mindestens 12 Monate. Die Leitlinie kommt den WHO-Empfehlungen aus dem Jahr 2001 nahe. Die WHO empfiehlt ausschließliches Stillen für 6 Monate und ein Weiterstillen unter Einführung von Beikost bis zum Alter von 2 Jahren oder länger. Für Deutschland mit einer vergleichsweise kurzen Stilldauer unterstreicht die Leitlinie die Bedeutung des Stillens für die Gesundheit von Mutter und Kind. Ergebnisse der bundesweiten „Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland“ (KiGGS Welle 2; 2014-2017) zeigten, dass nur 13% der von der Geburt an gestillten Kinder bis zum Ende des sechsten Lebensmonats gestillt wurden.
Was auf den ersten Blick durchweg positiv wirkt, ist in Fachkreisen umstritten. Fachärzte und Fachärztinnen der Kinder- und Jugendmedizin kritisieren, dass die Empfehlung zum längeren Stillen im Widerspruch zur Empfehlung der Beikost-Einführung frühestens mit Beginn des fünften und spätestens ab Beginn des siebten Lebensmonats stehe. Die Beikost-Einführung dient einerseits der Allergieprävention, z.B. gegen Kuhmilch oder Nüsse. Zum anderen können wichtige Nährstoffe wie Iod oder Eisen substituiert werden, die durch Muttermilch als alleinige Quelle nicht mehr ausreichend zur Verfügung stehen.
Außerdem wird debattiert, dass eine längere Stilldauer für die meisten Familien und insbesondere Frauen mit dem Wunsch, in den Beruf zurück zu kehren, nicht realitätsnah sei. Es wird weiter kritisch gesehen, dass Frauen die Empfehlungen der Leitlinie missverstehen und sich unter Druck gesetzt fühlen könnten.
Die Leitlinie kann als wissenschaftlich fundierte Grundlage und Orientierung für alle Berufsgruppen dienen, eine fundierte Aufklärung und Beratung durchzuführen.
Bei den Empfehlungen der WHO ist zu berücksichtigen, dass diese eine globale Bedeutung haben und Länder berücksichtigen, in denen Kinder ohne Muttermilch keine oder keine ausreichende Alternative zur Ernährung hätten.
Dr. med. Marie-Louise Schamp